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My works:
1st room : The Monument to The Victims Of Consumption. Polyurethane foam, plastic bag. Berlin 2020. 
Anarchemistry Cupcake. Polyurethane foam, polystyrene. Zagreb 2019.

2d room: The fairies meadow. Polyurethane foam, silicone, plastic. Berlin 2020.
The Baker’s Dozen. Polyurethane foam, wood. Berlin 2021. 
Sei Stagioni. Polyurethane foam, wood. Berlin 2021. 
The Grave of A Can. Polyurethane foam, silicone, styrofoam, artificial plants, spraycan. Berlin 2021 

In dem ansons­ten weißen Ausstel­lungs­raum sprin­gen die farben­rei­chen Kunst­werke mit einer Wucht ins Auge. Der Titel der Ausstel­lung lautet „Visi­ble Spec­trum“ und beschreibt damit den sehr begrenz­ten Frequenz­be­reich des Lichts, den das mensch­li­che Auge wahr­neh­men kann. Das Farb­spek­trum, in dem wir die Welt um uns herum wahr­neh­men, ist nur ein Bruch­teil der Reali­tät. Dieses sicht­bare Spek­trum ist dafür in voller Gänze bis zum 9. August im Projekt­raum 145 in Berlin vertre­ten.

Neben den nahezu mono­chro­men Gemäl­den des Künst­lers und Initia­tors der Ausstel­lung Niklas Jeroch, stel­len drei weitere Künst­ler*innen ihre Kunst­werke aus. Dabei ist das Farb­spek­trum der Ausgangs­punkt, um Fragen der Iden­ti­tät in unse­rer heuti­gen Gesell­schaft zu ergrün­den die Vorstel­lung unse­rer begrenz­ten Wahr­neh­mung in Frage zu stel­len.
EIN STYLISHER POSTERBOY POSIERT MIT NEONGELBER JOGGINGHOSE

Bereits mit Blick durch die Schau­fens­ter des Ausstel­lung­raums fällt das groß­for­ma­tige Gemälde „Etro­pal“, von der auto­di­dak­ti­schen fran­zö­sisch-spani­schen Künst­le­rin Ana Castillo direkt ins Auge. Ein stylis­her Poster­boy posiert mit neon­gel­ber Jogging­hose und Plateaus­nea­k­ern in Atelier­räum­lich­kei­ten. Mit Smart­phone und Peace-Zeichen schmun­zelt er die Betrach­ten­den an und wirkt dabei scham­los vertraut. Die durch ihre Strahl­kraft auffal­len­den Collage-Zeich­nun­gen der Serie „Divina I bis IV“ wirken wie Ausschnitte aus zeit­ge­nös­si­schen Maga­zi­nen. Beein­flusst von der Inter­net­kul­tur und der damit einher­ge­hen­den Bilder­flut, schafft Castillo Werke in leuch­ten­den Farben und dyna­mi­schen Mustern und verwischt dabei die Gren­zen zwischen Kunst, Mode und Popkul­tur.


Die schein­bar vertrau­ten Perso­nen, die Castil­los Kompo­si­tio­nen bevöl­kern, fühlen sich in ihrem zwei­di­men­sio­na­len Raum genauso wohl wie Infu­len­cer*innen im voyeu­ris­ti­schen Insta-Quadrat. Castil­los Verwen­dung von Colla­gen als Teil ihres Arbeits­pro­zes­ses um viel­schich­tige und leben­dige Kompo­si­tio­nen zu schaf­fen, bezieht sich auf die Art und Weise, wie wir unsere Welt wahr­neh­men, in der wir jeder­zeit auf alles und jeden zugrei­fen können.
DAS BETRACHTEN WIRD ZUM VOYEURISTISCHEN AKT

Mit nur einem Kunst­werk vertre­ten ist der US-ameri­ka­ni­sche Künst­ler Navot Miller, der heute in Berlin lebt und arbei­tet. Das Gemälde „Zach in Lake O’Hara“ zeigt einen Akt, der auf einem neon­far­be­nen Klo sitzt. Als Betrach­ter*in sieht man sich ange­sichts der Tür schlie­ßen­den Geste auto­ma­tisch mit der Thema­tik des Voyeu­ris­mus konfron­tiert. In seinem Gemälde schafft Miller Kompo­si­tio­nen, die in zeit­li­cher Abfolge und visu­el­ler Asso­zia­tion geschich­tet sind: man befin­det sich als Betrach­ter*in direkt in einer Hand­lung, ist Teil der sicht­ba­ren Bewe­gung. Seine Werk vermischt Erin­ne­run­gen an seine ortho­doxe jüdi­sche Kind­heit mit seinem heuti­gen säku­la­ren, quee­ren Leben in Berlin. Die Charak­tere, die sich durch die farben­frohe Welt von Millers Lein­wän­den bewe­gen, sind Perso­nen aus dem eige­nen Umfeld des Künst­lers. Mit Peot ausge­stat­tet schla­gen sie eine Brücke zwischen Berlin und seiner Kind­heit. Die an Hock­ney erin­nern­den Arbei­ten erfor­schen die Darstel­lung von Queer­ness, Sexua­li­tät und Iden­ti­tät auf eine sehr persön­li­che und doch völlig nach­voll­zieh­bare Weise.

Die Künst­le­rin Katya Quel Eliza­rova hinge­gen schöpft aus Graf­fiti und Street Art, um herr­lich skur­rile Skulp­tu­ren und Instal­la­tio­nen zu schaf­fen. Eliza­ro­vas Werke enthal­ten Fund­stü­cke, die auf die Pop- und Stra­ßen­kul­tur anspie­len. Die orga­nisch geform­ten Objekte wirken so, als seien sie aus den Über­res­ten unse­rer Konsum­ge­sell­schaft gewach­sen: Furun­kel- und schaum­ar­tige Formen aus künst­li­chen Neon­far­ben und orga­ni­sche Mate­rie wie Moos, kontras­tiert von digi­tal geren­der­ten Wesen. Dabei schafft es die Künst­le­rin ihre Skulp­tu­ren zeit­gleich wie über­di­men­sio­nale Lecke­reien zu insze­nie­ren. Arbei­ten, wie „The Baker’s Dozen“, sind daher nur schwer auf leeren Magen zu ertra­gen. Eliza­ro­vas ausge­prägte Ästhe­tik stellt die Gren­zen zwischen Kunst und Kitsch, High und Low-Kultur in Frage und spricht eine Gene­ra­tion an, die in der Schwebe zwischen der apathi­schen Benom­men­heit des Online und dem drohen­den Unter­gang des Offline gefan­gen ist.

Sowohl Niklas Jerochs Skulp­tu­ren als auch seine Gemälde sind in leuch­ten­den Farben gehal­ten und wie bei Eliza­rova liegt auch hier die Beto­nung auf der Textur und orga­ni­schen Formen. Das Werk „XX“ legt beispiels­weise auf der ansons­ten schwar­zen Lein­wand punk­tu­ell die darun­ter liegen­den neon­far­ben­den Farb­schich­ten frei, die die Lein­wand wie Narben markie­ren oder auch an den Blick durch ein Mikro­skop erin­nern. Wie auf seinen rest­li­chen ausge­stell­ten Lein­wän­den spielt Jeroch hier­bei mit der „verbor­ge­nen Wahr­heit“ eines Gemäl­des.

Die spezi­ell ange­fer­tig­ten Rahmen ergän­zen oder kontras­tie­ren die geheim­nis­vol­len Male­reien. Jerochs 3D-gedruck­ten kera­mi­sche Objekte verbin­den High­tech- Rende­ring und -Druck mit orga­ni­schen Formen, die an Koral­len oder mikro­sko­pi­sche Orga­nis­men erin­nern. So bilden die in einem Trio ausge­stell­ten Skulp­tu­ren „ET“, „TET“ und „P1“ eine Instal­la­tion, die in ihrer Optik an eine Ansamm­lung zerlau­fen­der Schlamm­schlös­ser erin­nert. Die Arbei­ten des Künst­lers sind jedoch offen­kun­dig abstrakt und entzie­hen sich einer singu­lä­ren Lesart. Die Besu­cher*innen werden heraus­ge­for­dert eigene Asso­zia­tio­nen zu entwi­ckeln.
DIE AUSSTELLUNG GEHT ÜBER DIE SINNESWAHRNEHMUNG HINAUS

Obwohl sich die in „Visi­ble Spec­trum“ gezeig­ten Arbei­ten in Form und Inhalt unter­schei­den, öffnet die Ausstel­lung unse­ren Blick für ein Spek­trum, das über die Sinnes­wahr­neh­mung hinaus­geht. Die Künst­ler*innen Ana Castillo, Navot Miller, Katya Quel Eliza­rova und Niklas Jeroch erkun­den Sexua­li­tät, Sinn­lich­keit, Jugend­kul­tur, Iden­ti­tät, Gewalt und Sensi­bi­li­tät als ein ebenso (un)sicht­ba­res Spek­trum. Viel­leicht können wir so neue Bedeu­tungs­ebe­nen gewin­nen – indem wir „zwischen den Wellen­län­gen“ lesen. Die Ausstel­lung zeigt damit auf, dass es weder einen objek­ti­ven Wahr­heits­an­spruch, noch die „eine“ Reali­tät gibt. Das notwen­dige Infra­ge­stel­len des Sicht­ba­ren, heißt auch ein Infra­ge­stel­len beste­hen­der Normen.

https://www.schirn.de/magazin/schirn_tipps/2021/die_realitaet_ist_auch_nur_ein_spektrum/